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Philosoph Dr. Benjamin Lange im Interview

„Mit unserer ethischen Beratung kreieren wir die Grundlagen für weitere Kommunikation.“ – Philosoph Dr. Benjamin Lange im Interview

Wie reagiert ein Impfhersteller, wenn sich ein Teil der Belegschaft weigert, sich impfen zu lassen? Welche persönlichen Daten darf eine künstliche Intelligenz auswerten und welche nicht? Immer öfter müssen sich Unternehmen auch ethischen Fragen stellen. Das Unternehmen Compass Ethics aus den USA bietet hier die passende Beratung für diese Fragestellung an. Seit Oktober 2022 hat PIO mit Compass Ethics eine Kooperation geschlossen. Im Interview zeigt Dr. Benjamin Lange, Director and Lead DACH bei Compass Ethics, mit welchen Themen er sich beschäftigt und wie wertvoll eine gute Kommunikation dabei ist. 

Hallo Ben, du bist promovierter Philosoph und arbeitest für Compass Ethics. Nun klingt Philosophie erst einmal nach Kant, Nietzsche und Schopenhauer. Wie können wir uns deine Arbeit für Compass Ethics vorstellen?  

Im Prinzip sind wir eine Firma für Strategieberatung – eben mit dem Fokus auf ethische Fragestellungen. Die Sachlage ist meistens so: Gesetze bieten wichtige Leitplanken für das, was zulässig und unzulässig ist, aber sie lassen oft viele Optionen offen, die für verschiedene Menschen oder aus verschiedenen Blickwinkeln besser oder schlechter sein können. Dies gilt vor allem für neue Technologien, bei denen die Gesetze unterentwickelt sind, aber auch für viele traditionellere Industriesektoren und Bereiche. Wir als Ethik-Beratungsfirma helfen Unternehmen, ethische Risiken zu minimieren, ethische Uneinigkeiten bzw. Streitigkeiten zu bewältigen und Möglichkeiten zu erkennen, Gutes in der Welt zu tun.  

Was bedeutet das konkret in der Praxis? 

Es geht unter anderem um Schadensrisikominierung, Entscheidungsmodellentwicklung, Wertemenagement, Inklusion, Culture Change oder vertrauenswürdige KI-orientiere Innovationen. Das sind oft schwierige, komplexe Themen, die große soziokulturelle Auswirkungen haben. Ein Beispiel: Ein Unternehmen stellt Impfstoffe gegen das Coronavirus her, aber ein Teil der Belegschaft weigert sich, sich impfen zu lassen. Wie positionieren sie sich dazu? Oder Thema Hatespeech und Desinformation: Wo beginnt die Meinungsfreiheit und wo hört sie auf? Das sind Fragen, die man als Unternehmen nicht so schnell beantworten kann. Genau da kommen wir ins Spiel.  

Und welche Antworten bietet ihr?  

Wir identifizieren unter anderem Möglichkeiten für ethisches Wachstum und ethische Führung und helfen bei der Definition der eigenen Werte eines Unternehmens, um es bei der Bewältigung ethischer Dilemmata zu unterstützen. Dazu haben wir diverse Analysemethoden je nach Fragestellung und Komplexität des Projekts. Was wir dann anbieten, ist ein Optionsraum für diese Fragestellungen. Wir zeigen, welche Möglichkeiten das Unternehmen hat und wie sich diese gut mit den Werten verbinden lassen. Es gibt also nicht eine Antwort, sondern Optionen, die wir mit den Vor- und Nachteilen erörtern. Allein das Thema soziale Benachteiligung ist hochkomplex: Stelle ich beispielsweise als Hersteller von autonom fahrenden Fahrzeugen Ladestationen in Brennpunkten auf, könnte das Frustration erzeugen, weil ich Bedürfnisse aufzeige, die diese Zielgruppe gegebenenfalls nicht erfüllen kann. Klammere ich diese Bezirke aus, lasse ich sie am technologischen Fortschritt nicht teilhaben. Dazu haben wir verschiedene wissenschaftlich fundierte Bewertungsmethoden und Standpunkte und können aufzeigen, wie das Unternehmen zum Beispiel seine Ladestationen aufstellen könnte. 

Du selbst arbeitest und lebst in Essen, Compass Ethics sitzt in den USA. Wie kamst du zu dem Unternehmen und was genau ist deine Aufgabe?  

Der Gründer Bradley [J. Strawser, Anm. Red.] und ich kannten uns schon vorher durch meine Forschungsaufenthalte in den USA und hatten an gemeinsamen Projekten mitgewirkt. So war ich seit der Gründung 2020 dabei. Das liegt an der Arbeitsweise: Wir arbeiten bei Compass Ethics nach dem Prinzip, dass wir ein festes Kernteam für Kundenprojekte haben und ein großes Netzwerk aus freien Berater*innen. Das sind in der Regel Expert*innen, die an Forschungseinrichtungen einen Lehrauftrag haben und für bestimmte Fragestellungen herangezogen werden. Ich selbst habe einen Lehrauftrag an der Ludwig-Maximilians-Universität München, arbeite für Compass Ethics für Klienten in den USA und baue hier das Deutschlandgeschäft auf.  

Zu deinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören unter anderem Fragen rund um das Thema KI & Ethik. Wie bewertest du als Philosoph etwa Aussagen des Tech-Milliardärs Elon Musk, der beispielsweis sagt, KI stelle „ein fundamentales Risiko für die Existenz der menschlichen Zivilisation dar“?  

Elon Musk ist ein Mensch, der polarisiert und polarisieren will. Ich halte solche Aussagen für wenig hilfreich, weil sie die Komplexität des Themas zu sehr reduzieren. Wenn eine KI eingesetzt wird für einen Prozess in der Personalabteilung, um Bewerbungen zu bewerten und eine Vorauswahl qualifizierter Bewerber*innen zu treffen, sehe ich kein Risiko für die Menschheit. Solche Aussagen gehen in Richtung einer allgemeinen künstlichen Intelligenz, die besser sein könnte als die menschliche Intelligenz. Das wären dann existenzielle Risiken, die vielleicht in hundert Jahren auftreten. Diese gibt es aber natürlich noch auf anderen Ebenen, etwa bei den biochemischen Waffen. Existenzielle Risiken sind eine Themenströmung mit unterschiedlichen Zeithorizonten, die von 2050 bis 2100 reichen. Dennoch ist es durchaus wichtig, solche Fragestellungen aufzuwerfen und vorher Werte für den Einsatz von KI-Technologien aufstellen, damit diese gemäß den Werten operieren können und etwa menschliche Werte wie Freundschaft oder Privatsphäre respektieren. Also: Das Thema aufzugreifen, ist wichtig, es als vollendete Tatsache zu präsentieren, wenig hilfreich. Und auch die Art der Kommunikation sollte man sinnvoll abwägen, damit sie nachhaltig ist. 

Eine künstliche Intelligenz ist inzwischen mitunter besser in der Lage, Krankheiten aufgrund von Fotos zu erkennen als ein Arzt oder eine Ärztin. Besteht aus deiner Sicht die Gefahr, dass KI-Technologien die menschliche Arbeitskraft obsolet macht? 

Da würde ich differenzieren. Die Frage ist doch: Inwieweit macht eine KI menschliche Arbeitskraft obsolet? Das kann ich als Philosoph nicht beurteilen. Meine Erfahrung ist: Oft haben wir ein Human-in-the-loop-Prinzip. Ein Arbeitsvorgang ist dann nicht vollständig automatisiert, sondern es bleibt der Aspekt der menschlichen Interaktion erhalten. Der Mensch überwacht und interagiert mit der KI. Diese schwebt ja nicht frei im Raum, sondern ist dafür da, menschliche Entscheidungen zu optimieren – etwa im Bewerbungsprozess schneller und effizienter passende Kandidat*innen zu finden. Aber im Leben ist es wie in der Philosophie – es gibt selten nur Schwarz oder Weiß. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Aber genau um solche Risiken abzuwägen, braucht es die Philosophie oder eben Beratungsangebote wie die von Compass Ethics: Die Ethik muss das Fundament legen, damit diese negativen Auswirkungen gar nicht erst entstehen. Und es braucht Kommunikationsexpertise, um zu verstehen, was man wann kommunizieren will.  

Für die professionelle Kommunikation habt ihr euch in Deutschland entschieden, auf die Expertise von PIO zu setzen. Wie kam es nun zu dieser Zusammenarbeit? 

Das hat sich durch direkte Kontakte ergeben und war aus unserer Sicht eine sinnvolle Partnerschaft. Wir sind zwei Unternehmen, die sich sehr gut ergänzen. Mit unserer ethischen Beratung kreieren wir die gute Substanz, die Grundlagen für weitere Kommunikation. Wir zeigen, was aus ethischer Sicht gut und sinnvoll ist. Die gute Substanz braucht aber gute Kommunikation – und an der Stelle kommt PIO ins Spiel. Ihr als Agentur könnt Wege aufzeigen, wie man das kommuniziert. Gleichzeitig geht der Pfeil aber auch in die andere Richtung: Was man kommuniziert, muss auch Substanz haben. Um kommunikativ aus dem Vollen schöpfen zu können, brauchen Unternehmen eine solide Basis bei ihren Werten. Dabei können wir unterstützen.  

Und grundsätzlich passt PIO mit seiner neuen Positionierung, dem “what matters”, sehr gut zu uns. Denn wenn wir beide auf der Suche nach dem Kern der Themen sind, ziehen wir am gleichen Strang und erreichen das Beste Ergebnis für die Kunden. Und für die Unternehmen ist das auch ein gutes Gefühl, wenn die Werte und die Kommunikation auf einer Linie liegen. 

Lieber Ben, wir danken dir für das Gespräch.